Interview mit Scott Kelly von Neurosis

Im Zuge des Neurosis-Gigs im dortmunder FZW am 27.07.2011 nahm sich Scott Kelly, seines Zeichens Frontmann und Gitarrist der Band, ein Paar Minuten Zeit, um über Aktuelles, Vergangenes und Alltägliches zu sprechen.

Eure letzte Scheibe war „Live At Roadburn 2007“, die im Jahre 2010 raus kam (Zur Info: die Tour zum 2007er Album „Given To The Rising“). Wann gibt es neues Material von Euch?

Wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres. Wir werden im Dezember mit den Aufnahmen beginnen.

Seid ihr noch mit Euren diversen Nebenprojekten beschäftigt?

Ja. Ich arbeite derzeit an einer Solo-Scheibe, Steve ebenso und Shrinebuilder (die Supergroup mit Scott, Wino, Al Cisneros von Sleep und Dale Crover von den Melvins) schreiben ein Album.

Wie würdest Du einem Metalfan die Musik von Neurosis, die ja sehr vielschichtig ist, beschreiben?

Es ist sehr schwer, sie überhaupt irgendjemandem zu beschreiben… da ist eine Menge Black Sabbath in unserem Sound, sowie die majestätischen und emotionalen Aspekte früher Metallica-Scheiben. Besonders des zweiten und dritten Albums… bevor sie sich zu einer Art Pop-Band entwickelt haben.

Unsere Songs sind recht lang und beinhalten viel Selbstbeobachtung. Es ist definitiv kein Metal im traditionellen Sinn, aber es definitiv Heavy!

Scott Kelly promo shot

Kannst du mir etwas über den Prozess des Songwritings erzählen? Jamt ihr viel?

Ja, wir jammen auch, aber es kommt immer darauf an. Jeder Song entwickelt sich anders, manchmal fängt es mit der Gitarre an, ein anderes mal mit einem Drumbeat oder vielleicht sogar einem Sample. Es gibt so viele Möglichkeiten!

Plant ihr Eure Visuals direkt während die Songs entstehen?

Eigentlich schon. Es läuft meist so ab, dass wir die ersten Songideen direkt zu Josh (Graham, zuständig für die Animationen und festes Bandmitglied) schicken. Er hört sie sich an und fügt seine Ideen dann entsprechend ein. Mit den älteren Sachen läuft es ähnlich, wenn wir eine neue Setlist zusammen stellen. Er hat viel Freiraum, es sei denn, uns schwebt etwas ganz spezifisches vor. Unterm Strich: Wir machen die Musik, er kümmert sich um die Visuals.

Eure ersten beiden Alben gingen mehr in die Richtung Hardcore Punk. Habt ihr immer noch die selbe Attitüde und den selben Antrieb oder seid Ihr in gewisser Hinsicht gereift?

Nun, in vielerlei Hinsicht haben wir sie immer noch. Wir möchten nach wie vor nicht zum „Mainstream“ gerechnet werden, ziehen es vor, so viel geschäftliche Kontrolle wie Möglich bei uns zu behalten und produzieren unsere Musik auch selbst. Also alles Dinge, die unseren Jahren in der Hardcore/DIY Community entspringen. Aber in der Metal-Community fühlten wir eine sehr viel größere Offenheit, was experimentelle Musik angeht. Die Punk-Szene war da sehr viel engstirniger… Die Metal-Fans waren bereit, sich etwas Neuem, Anderem hin zugeben und mochten einfach die Musik, sie machten sich um das ganze Drumherum keine Gedanken.

Sehr interessant, vor allem, wenn man bedenkt, wie engstirnig doch so manches Metal-Genre heutzutage ist…

Durchaus (grinst). Aber so war eben damals.

Was nehmt Ihr mit, wenn es nach Europa auf Tour geht? Ist es sehr viel anders hier als in den USA?

Man nimmt nicht viel mit (lacht)! Einen Computer, normale Dinge wie Kleidung und Zahnbürste oder auch einen I-Pod, sofern man einen hat. Wenig, aber eben genug, um sich wohl zu fühlen. Man hat ja auf Tour schließlich nicht jeden Tag die Möglichkeit, zu duschen oder so. Heute geht es, der Club ist sehr schön und sauber. In den USA sind die meisten Clubs dermaßen dreckig, da würdest Du nicht duschen wollen!

Organisiert Ihr Eure Touren selber (Neurosis betreiben ihr eigenes Label, Neurot Recordings)?

Ja, wir machen das Booking selber.

Scott Kelly live

Gibt Euch das mehr Freiheit oder fühlt Ihr Euch dadurch eher unter Druck gesetzt, da man mehr aufs Geld achten muss?

Nun, es ist vor Allem mit mehr Arbeit verbunden, aber man hat auch mehr Freiheiten… Hinsichtlich des Geldes… (überlegt) Dadurch, dass wir alles selber machen, zweigt sich natürlich kein Dritter etwas ab, aber wir verkaufen auch weniger, als das bei einem großen Label der Fall wäre. Es hält sich also die Waage. Aber uns geht es primär darum, dass wir in Allem die Kontrolle behalten!

Welche Bands hörst Du Dir zur Zeit an?

Dark Buddha Rising, Asva, viel Judas Priest und Hank Williams, Adrian Sherwood… viele verschiedene Sachen also.

Wie entdeckst Du neue Musik?

Normalerweise über Mund-zu-Mund-Propaganda von Freunden, aber auch durch Artikel im Internet. Das war z.B. bei Dark Buddha Rising der Fall.

Was hältst Du davon, Musik zu downloaden? Betrifft Euch das als vergleichsweise kleine Band?

Es betrifft uns definitiv. Ich meine, wir verkaufen nicht viele Alben und wenn jemand sie herunterlädt, trifft uns das sehr hart. Wenn das bei Lady Gaga oder so passiert, macht es nichts aus, sie hat ihre Millionen bereits gemacht… Wir haben immer noch normale Jobs nebenher und bezahlen alles aus eigener Tasche für die Band. Insofern trifft es uns wirklich hart.

Wenn aber jemand in einem Land lebt, in dem es nicht so einfach ist, an unsere Musik zu kommen, dann sieht es natürlich anders aus. Das ist z.B. in muslimischen Ländern der Fall. In anderen Ländern herrscht einfach zu große Armut, um sich Musik oder andere Dinge leisten zu können. Wenn es so aussieht, habe ich kein Problem damit und möchte, dass die Menschen unsere Musik umsonst hören können.

Ich sehe es so: Wenn Du es Dir leisten kannst, in einen Club zu gehen und Bier zu trinken, dann kannst Du Dir auch eine CD leisten. Wer ein Haus und einen Job hat, sollte sich Musik legal kaufen, denn die Musiker haben ein Recht darauf, sich ebenso ihren Lebensunterhalt leisten zu können. Aber ich bin sehr realistisch und muss mich damit abfinden, dass Menschen nun mal etwas herunterladen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben.

Ihr gebt Euch ja auch große Mühe, die Alben vor Allem in den Vinyl-Versionen besonders aufzuwerten.

Ja, wir versuchen, den Leuten etwas Besonderes zu geben, wenn sie etwas von uns kaufen. Etwas Greifbares, mit dem man sich beschäftigen kann. 180gr Vinyl und solche Dinge…

Vielen Dank für das Interview!

Nichts zu Danken!

Neurosis

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